Wanderung um den Botnssúlur

Ich war knapp 26 Stunden unterwegs gewesen. Ich hatte mir einen Sonnenbrand geholt. Ich hatte üble Blasen an einem Fuß, die mich den Rest meines Urlaubs und sogar noch ein paar Tage in Deutschland humpeln ließen. Aber ich hatte es geschafft. Gut 52 km. Aufsummiert 1900 Höhenmeter. Ich hatte irgendwo im Nirgendwo gezeltet, an einem See vor herrlicher Bergkulisse. Ich war etliche Stunden unterwegs gewesen, ohne einen einzigen Menschen, ein Haus oder ein Auto zu sehen. Ich hatte Wasserfälle gesehen und Gebirgsbäche gefurtet, war durch Moosfelder und Steinwüsten gewandert. Ein großartiges Island-Erlebnis!

Aber ich sollte von vorn anfangen.

Dieses Jahr wollte ich mal allein in Island wandern gehen, die absolute Einsamkeit genießen. Ich bin zwar nicht der Typ, der es allzu lange allein aushält. Aber so zwei oder drei Tage mit Zelt und fernab von allem, das wäre schon etwas. Mitte Juni wollte ich nach Island, erst ein verlängertes Wochenende mit meiner Frau, dann eine knappe Woche allein. Ich wollte nicht allzu viel Fahrerei haben. Also schieden Ziele im Norden oder Osten der Insel schon einmal aus. Den Laugavegur und den Fimmvörðuháls kannte ich schon. Im Hengill-Gebiet war ich schon recht oft gewandert. Der Kerlingarfjöll hätte mich sehr gereizt. Aber Mitte Juni ist es dafür eher noch etwas zu früh. Trotzdem - ein bisschen Hochland-Feeling sollte es doch sein.

Letztendlich hatte ich mir ein Rundtour um das Botnssúlur-Massiv nördlich von Þingvellir ausgeguckt. Starten wollte ich im Hvalfjörður, am Wasserfall Glymur aufsteigen, am See Hvalvatn entlang bis zur Straße 550 wandern, weiter am Sandkluftavatn vorbei bis ins Þingvellir und von dort über den historischen Pfad Leggjabrjótur, den "Beinebrecher", zurück in den Hvalfjörður.


Als ich am Montag meine Frau zum Flughafen brachte, sah dann aber die Wettervorhersage nicht gut aus. Für Dienstag war Dauerregen angesagt. Den Montag nutzte ich noch für eine Wanderung an der Esja. Am Dienstag war die einzige trockene Gegend der westliche Zipfel der Halbinsel Snæfellsnes, also ging es für mich dorthin. Für Mittwoch war dann aber schönes Wetter angesagt. Von Dienstagabend 23 Uhr bis Donnerstagmorgen 10 Uhr sollte das Wetter richtig schön werden. Danach war wieder starker Regen angekündigt. Also blieben mir gerade einmal 35 Stunden. So hatte ich mir das nicht gedacht. Aber ich wollte doch gern meine geplante Wanderung machen.

Abends um 20 Uhr parkte ich am Parkplatz beim Glymur - bei strömendem Regen. Trotzdem parkten dort noch 8 andere Autos. Nach und nach kamen durchnässte Wanderer aus Richtung Glymur zurück. Ich machte es mir im Schlafsack auf der Rückbank meines Mietwagens bequem, um ein wenig vorzuschlafen. Um 23 Uhr regnete es immer noch unverändert stark. Der Parkplatz war mittlerweile fast leer. Erst gegen 23:40 Uhr hörte der Regen auf.

5 Minuten nach Mitternacht machte ich mich auf den Weg. Mittlerweile war sogar die Wolkendecke aufgerissen, und die Gipfel von Hvalfjall und Botnssúlur wurden von der Sonne angestrahlt.


Rauf zum Glymur gibt es zwei Wege, einen Klettersteig auf der rechten Seite eng an der Schlucht mit vielen Ausblicken auf den Wasserfall und einen anderen, leichteren Weg ohne die Einblicke in die Schlucht auf der linken Seite. Angesichts der Nässe nach den Regenfällen und auch weil ich den Klettersteig schon kannte, entschied ich mich für den Weg links. Auf einer Strecke von etwa 2,5 km geht es etwa 300 Höhenmeter recht steil bergauf. Der Weg ist ungefährlich, anscheinend eine Jeep-Piste, allerdings eine sehr rumpelige. Beim Aufstieg hat man fast durchgehend einen herrlichen Ausblick auf den Hvalfjörður. Anfangs läuft man durch Lupinenfelder, aber schnell wird die Vegetation immer spärlicher.


Erst wenn man die Höhe der Abbruchkante des Wasserfalls erreicht hat, nähert man sich der Schlucht. Einen guten Ausblick auf den Wasserfall hatte ich nicht. Vermutlich hätte ich dafür irgendwo die Piste verlassen müssen. Aber immerhin konnte ich einige Wasserfallkaskaden im oberen Bereich sehen sowie die Abbruchkante, an der der Glymur dann richtig in die Tiefe stürzt. Die Sonne ist mittlerweile wohl doch unter dem Horizont verschwunden.


Oberhalb des Glymur wird der Weg flacher. Weiter geht es flussaufwärts an der Botnsá entlang. Aber die Piste verliert sich irgendwie. Die Ebene wird mehr und mehr sumpfig. Ich muss immer wieder über kleinere Bäche springen. Irgendwann muss ich dann auch zum ersten Mal meine Wanderschuhe ausziehen, die Hose hochkrempeln und durch einen Fluss waten. Etwa 2,5 km oberhalb des Glymur folgt ein weiterer Wasserfall, der Breiðifoss. Hier stürzt die Botnsá über eine Schräge mit mehreren Stufen, nett anzusehen, aber eher unspektakulär.


Nach insgesamt gut 6 km und knapp 3 Stunden erreichte ich den Hvalvatn. Mittlerweile war die Sonne wieder aufgegangen. Immer wieder tauchte die Sonne die Berge in rötliches Licht. Am See entlang fand ich ab und zu einen schmalen Trampelpfad. Ein paar Schuhabdrücke zeigten, dass ich nicht der erste auf diesem Weg war. Aber außer einem Paar Schwäne herrschte absolute Einsamkeit.






Der Weg war weiterhin sumpfig. 3,5 km ging es am See entlang. Noch einmal musste ich die Schuhe ausziehen, um einen breiteren Zufluss zu durchqueren. Bei dem sumpfigen Gelände holte ich mir aber dann doch irgendwann nasse Füße.


Gegen 5:15 Uhr und nach 10 km Wanderung hatte ich den Hvalvatn hinter mich gebracht. Zeit für eine Pause, für eine Mahlzeit und ein Schläfchen. Auf einer Sandbank am Ende des Hvalvatn schlug ich daher mein Zelt auf und kochte mir auf dem Campingkocher mein Fertignudelgericht. Danach verkroch ich mich in meinem Schlafsack.


Nach 3 1/2 Stunden Schlaf war ich wieder einigermaßen erholt. Mittlerweile war es taghell, blauer Himmel, Sonnenschein. Ich genoss Müsliriegel und Schokolade zum Frühstück, bevor ich dann mein Zelt wieder abbrach und mich auf den Weg machte.


Nach kurzer Zeit kam ich endlich auf einen richtigen Weg. Die Hochebene war nun nicht mehr sumpfig, sondern steinig. Der Weg führte vorbei an mehreren kleinen Seen. Einmal musstte ich noch die Schuhe ausziehen um die Verbindung zweier solcher Seen queren zu können. Die nassen Socken trockneten mittlerweile hinten an meinem Rucksack, und ich hatte wieder trockene an.




In der Ferne vor mir ragte der schneebedeckt Schildvulkan Skjaldbreiur auf. Irgendwann kam auch der Sandkluftavatn und die Straße 550 in Sicht, allerdings in gut 5 km Entfernung und rechts von meiner Wegrichtung. Der Weg verlief immer weiter nach Nordosten, während der See im Südosten lag. Was jetzt? Irgendwann würde der Weg zwangsläufig auf die Straße 550 treffen. Aber der Umweg könnte groß sein. Die Landschaft sah trocken und steinig aus. Könnte ich es wagen, einfach quer in Richtung See zu laufen? Oder würde ich dann vielleicht doch irgendwo auf einen Gebirgsbach treffen, den ich nicht überqueren könnte? Ach, es würde sicherlich gehen. Also verließ ich den Weg und ging den Schotterhang hinunter nach Südosten.




Auch ohne Weg ließ es sich hier problemlos wandern. Nach einiger Zeit kam ich aber in einen immer tiefer eingeschnittenen Canyon. Wasser war dort aber nur stellenweise zu sehen. Meine Bedenken wurden immer größer, bis der Canyon plötzlich endete und ich auf eine breite Schotterebene hinaustrat. Und wenige hundert Meter vor mir verlief die Straße.

Es war 12 Uhr mittags. Von nun an folgte ich der asphaltierten Straße in Richtung Þingvellir. An einer Straße langzulaufen hat natürlich eher wenig Charme. Es dauerte aber über 20 Minuten, bis endlich mal ein Auto an mir vorbeifuhr. Die Einsamkeit blieb also weitestgehend erhalten. Hinter dem Sandkluftavatn verließ die Straße die Steinwüste, und allmählich kam wieder mehr Vegetation. Zeit für eine Mittagspause. Ab da hatte ich dann auch wieder Handy-Empfang, den ich seit dem Hvalvatn verloren hatte. So konnte ich mal wieder ein Lebenszeichen nach Hause schicken.




Etwas später kam der Þingvallavatn in Sicht. Für insgesamt 12,5 km blieb ich auf dieser Straße. Dabei bekam ich gerade einmal 12 Autos zu Gesicht. Im Þingvellir kamen mir vier Reiter entgegen. Ansonsten war ich allein.

Das Wetter war übrigens wunderbar. Je weiter ich runter nach Þingvellir kam, um so wärmer wurde es. Nach und nach zog ich Mütze und Jacke aus und wanderte dann im T-Shirt weiter.


Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, im Þingvellir auf dem Campingplatz zu übernachten. Es war nun 15:30 Uhr. Bis zu meinem Parkplatz am Glymur waren es noch etwa 22 km über den Berg, vermutlich mit ein paar Flussdurchquerungen. Ich rechnete also mit etwa 7 Stunden. Die Wettervorhersage hatte sich leider verschlechtert. Das Regengebiet sollte nicht erst vormittags um 10 Uhr eintreffen, sondern bereits zwischen 8 und 9. Wenn ich mein Auto noch trocken erreichen wollte, hätte ich also kurz nach Mitternacht losmarschieren müssen. Aber noch fühlte ich mich einigermaßen fit. Ich spare mir den Campingplatz und wandere einfach weiter. Wildes Camping im Nationalpark ist nicht erlaubt. Aber nach knapp der halben Strecke würde ich ja das Gebiet des Nationalparks verlassen und könnte dann vielleicht am Myrkavatn mein Zelt aufschlagen. Dann sollte ja absehbar sein, wie lange ich noch ungefähr brauchen würde.

Noch bevor ich die Ringstraße erreichte, bog ich also nach rechts ab in Richtung Leggjabrjótur. Der Name dieses Weges bedeutet "Beinebrecher". Aber keine Sorge! Der Name kommt nicht daher, dass sich hier viele Wanderer die Beine brechen. Vielmehr ging es wohl eher um die Pferde, für die der Weg früher wohl nicht unbeschwerlich war.


Zu meinem Leidwesen kommt direkt vor dem ersten Anstieg erst einmal eine Flussdurchquerung. Was das immer aufhält! Rucksack abnehmen, Schuhe ausziehen, Socken ausziehen, Hose hochkrempeln, Rucksack wieder auf, durch den kalten Fluss waten, dann wieder hinsetzen, Rucksack runter, Socken, Schuhe, Hose, Rucksack wieder rauf - und weiter geht's. Insgesamt hatte ich diese Prozedur auf dieser Wanderung 10 Mal, 3 Mal auf dem Hinweg in der Umgebung des Hvalvatn und 7 Mal auf dem Rückweg bei eben diesem Aufstieg des Leggjabrjótur. Durch den Regen der letzten Tage und das warme Wetter heute waren die Flüsse wohl deutlich wasserreicher als normal.


Bis auf die Flussdurchquerungen war der stetig ansteigende Weg aber ganz gut zu gehen. Er bot immer mal wieder Blicke in die Schlucht der Öxará. Und blickte man zurück, konnte man die Aussicht über den Þingvallavatn genießen. Als ich dachte, bald müsse doch endlich die Passhöhe erreicht sein und der Myrkavatn in Sicht kommen, fand ich mich vor der Furt durch einen reißenden Zufluss der Öxará wieder. Was nun? Da traute ich mich nicht durch. Flussaufwärts folgten mehrere kleine Wasserfälle. Einen Weg gab es nicht. Nicht einmal einen Trampelpfad. Weiter unten irgendwo über die Öxará zu kommen, erschien mir auch aussichtslos. Aufgeben und zurück nach Þingvellir laufen? Von dort könnte ich dann versuchen, zum Glymur zu trampen. Oder sollte ich hier - immer noch im Nationalpark mit Campingverbot - mein Zelt aufschlagen und hoffen, dass am frühen Morgen der Wasserstand niedriger ist?

Nach einer längeren Pause entschied ich mich, flussaufwärts weiterzulaufen. Irgendwo musste der Fluss ja kleiner werden. Ich hoffte nur, dass ich dafür nicht in zu steiles Terrain käme. Auf den nächsten 500 m folgten mehrere Wasserfälle. Keine Chance, hier irgendwo den Fluss zu überqueren. Dann verschwand der Fluss unter einem Schneefeld. Sollte ich es wagen, darüber zu laufen? Aber der Schnee war angesichts der hohen Temperaturen sehr matschig. Ich sank bereits am Rand fast knietief ein. Das hätte keinen Zweck. Die Gefahr, über dem Fluss einzubrechen, war mir viel zu groß. Also weiter. Und tatsächlich: Nach gut einem Kilometer wurde der Flusslauf deutlich flacher und der Fluss plätscherte gemütliche dahin. Hier konnte ich gut durch das Wasser waten. Meine Stimmung war schlagartig wieder besser.




Auf der anderen Flussseite war nun sogar ein Weg, auf dem ich bequem wieder zurück bis zur Öxará laufen konnte. Dann ging es weiter in Richtung Myrkavatn. Bevor ich den See erreichte, verlor sich der Weg aber in einer sumpfigen Mooslandschaft.

Jetzt sollte ich vielleicht noch ein bisschen zu meiner Routenplanung erzählen. Ich hatte keine Wanderkarte dabei. In meinen Wanderführern war diese Strecke nicht verzeichnet. Ich hatte mir diesen Track im Internet bei Wikiloc herausgesucht. Und da hatte ich wohl nicht die beste Wahl getroffen. Eigentlich verläuft der Leggjabrjótur nämlich genau den Weg hinauf, den ich nach meiner Furt heruntergekommen war. Nur der von mir ausgesuchte Track ging stattdessen zum Myrkavatn und dann hinüber zum Sandvatn. Hier fand ich aber keinen Weg, nicht einmal einen Trampelpfad. Also lief ich quer durch die zerklüftetet Mosslandschaft, sprang über unzählige Pfützen und kleine Bäche, sank regelmäßig ein und holte mir wieder nasse Füße.


Irgendwann kam ich dann aber doch am Sandvatn an. Und da kamen mir die ersten Wanderer entgegen. Seit meinem Abmarsch um Mitternacht hatte ich keinen einzigen Wanderer getroffen. Das Pärchen wollte den Leggjabrjótur in umgekehrter Richtung, also vom Glymur nach Þingvellir, laufen. Sie versicherten mir immerhin, dass der weitere Weg leichter zu finden sei. Ich müsse nur den Steinwarten folgen.

In der Ferne kam der Hvalförður in Sicht. Mittlerweile war es 23 Uhr geworden. Den Steinwarten zu folgen, erwies sich als schwieriger als erwartet. Ich wanderte in Richtung Norden, und um diese Uhrzeit hieß das, ich wanderte genau der Sonne entgegen, die sehr flach über dem Horizont stand. Sie blendete so sehr, dass es schwierig war, die nächste Steinwarte zu erkennen.




Der Weg zog sich. Ich war einfach nur noch k.o. Ich hatte auch keine Ahnung, wo ich rauskommen würde. Der Weg blieb noch recht lange auf recht großer Höhe. Nicht, dass ich oben am Glymur rauskommen würde! Nicht, dass ich womöglich noch über den Baumstamm balancieren müsste, über den der Weg vom Glymur zum Parkplatz über den Fluss führt! Dazu hatte ich nach diesem Gewaltmarsch wirklich keine Lust mehr.

Aber schließlich ging es doch bergab ins Tal, weg vom Glymur in Richtung Fjord. Der Trampelpfad wurde zu einem Wirtschaftsweg. Eine Brücke führte schließlich über die Botnsá. Und um 0:50 Uhr kam ich endlich wieder bei meinem Auto an. Ziemlich erschöpft und mit schmerzenden Füßen, aber glücklich über eine schöne Wanderung.


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